Rosa und Hellblau

February 24, 2011

Eines meiner liebsten Themen, seit einiger Zeit, weil ach so interessant, ist das soziale Geschlecht, oder kürzer: Gender. Das ist nämlich ganz und gar nicht biologisch festgelegt oder dergleichen. Und die Mode spielt dabei eine ziemlich große Rolle.
Was typisch Mann, typisch Frau ist (abgesehen von den spezifischen Geschlechtsteilen) ist über Jahrtausende hindurch erlernt und durch gesellschaftliche Konventionen geformt. Was Frau und Mann jenseits ihrer biologischen Merkmale sind, war schon zu Zeiten der Antike festgelegt und hält sich noch bis heute hartnäckig.

Wir haben spezifische Geschlechtercodes, die wir bedienen und durch die wir unser Gegenüber als männlich oder eben weiblich identifizieren. Wir müssen alles in Schubladen stecken, um in der Welt zurechtzukommen. Deswegen sind wir verwirrt, sobald wir jemandem gegenüberstehen, der androgyn erscheint, von dem wir auf den ersten (und vielleicht auch auf den zweiten) Blick nicht wissen, ob er nun eindeutig weiblich oder männlich ist. Frauen haben lange Haare, Männer tragen Hosen.
Ich frage mich, ob das wirklich wichtig ist, um in einer Gesellschaft zu leben. Es gibt unzählige Variationen von Menschen. Freud sagt, jeder Mensch ist prinzipiell bisexuell und wir leben dies nur nicht aus, weil uns gesellschaftliche Tabus und Gesellschaftsvorstellungen davon abhalten. Diese These finde ich sehr interessant und ist für mich auch sehr glaubwürdig, wenn man bedenkt, welche Formen es von Sexualität gibt. Ganz genetisch festgelegt ist diese Bisexualität angeblich nicht (ich glaube, dass jeder Mensch zumindest grundlegend einen weiblichen und einen männlichen Teil in sich trägt, deren jeweilige  Herausbildung individuell unterschiedlich ausgeprägt ist). Weiter auszuholen wäre lächerlich, kenne ich mich in diesen Gefilden doch nicht annähernd aus.
In der letzten Ausgabe des ZEITmagazins finden wir einen Menschen, der sich nicht so einfach in die „weiblich/männlich“-Schublade stecken lässt: Andrej Pejic.
Auf den ersten Blick sieht Andrej mit seinen langen Haaren und seinen feinen Gesichtszügen aus wie eine junge Frau. Aber biologisch gesehen ist er ein Mann.
Andrej ist Model. Und zwar nicht ausschließlich für Männermode. Jüngst auf der New Yorker Fashionweek modelte er unter anderem für Jeremy Scott und bei Jean Paul Gaultier lief er sowohl für die Frauen-, als auch für die Männerschau.

juergen teller

Egal, in jedem Falle ist er ein sehr schöner Mensch, der es schlichtweg nicht nötig hat, sich einer Geschlechterbezeichnung, zudem noch einer so überholten, die so viele individuellen Persönlichkeiten unterdrückt, wie ich finde, unterzuordnen. Wenn ich die Modeindustrie ganz oft ganz furchtbar finde und die mitunter fragwürdige Schönheitsideale vermittelt (Size Zero), hier trifft sie mich und auch die Mode hat soviel Macht, um in unserer Gesellschaft etwas zu bewirken, zumindest an ihr zu rütteln.
Das Auflösen der Geschlechtergrenzen –durch unsere immer komplexer (und virtueller) werdenden Realitäten vielleicht auch tatsächlich sowieso nur eine Frage der Zeit – die Modewelt geht voraus (oder zeigt, was längst seinen Einzug fordert), vermindert Hürden und Hemmschwellen und sorgt für viel Gesprächsstoff, der einiges ankurbeln könnte.
Interessant ist jetzt, wie sich das Ganze weiterentwickeln wird und ob wir schlussendlich loskommen von dieser Geschlechter-Binarität, völlig abseits vom Feld der Mode. Alles noch Zukunftsmusik, aber spannend, das zu verfolgen.

andrej pejicAuf die Frage des ZEITmagazins im Interview mit Pejic, ob er sich denn nun für Frauen oder Männer interessiert, antwortet er:

Ich will es mal so sagen: Liebe kennt keine Grenzen.“ Ziemlich plakativ, aber eigentlich ganz meine Meinung.

Fotos über Andrej Pejics Thread bei thefashionspot.com

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11 Responses to Rosa und Hellblau

  1. Katrin on February 24, 2011 at 19:01

    Darf ich fragen, was du studierst? Doch nicht etwa gender studies?

  2. Vanessa on February 24, 2011 at 19:38

    Nope, ich studiere Theater-,Film-,Medienwissenschaft. Gender Studies soll aber mein Wahlfach werden. :)

  3. Katrin on February 26, 2011 at 01:24

    Ach nee, Wahnsinn, dann hat mich ja mein erster Instinkt nicht getäuscht. Ich hab bei Facebook immer mitbekommen, dass du mit irgendwelchen Seiten verbunden warst, die ich auch gerade kontaktieren wollte, hab mich schon fast als Nachmacher gefühlt. Da mussten ja die Interessen schon mal ähnlich sein. Und nun tatsächlich: wir studieren fast das gleiche. Ich nämlich den Fächerverbund Kultur, Theater, Film mit Schwerpunkt Filmwissenschaften in Mainz.

  4. Obelix on February 26, 2011 at 02:28

    Ne echt abgefahren, so etwas habe ich noch nie gesehen, noch nicht mal auf Floor 2 im Inside, Gender-Disorientation, kommt sicher von zuviel Drogen, selbst das Clarissa hat mehr Falten,
    so etwas ist der Bringer fürs TV und Rainbow-Press, was Neues, Unverbrauchtes, noch nicht durchgezogen von allen Stayed-Home Big City*Heros. Es läuft jetzt in New York? Also ich denke Jeff die Cyper-Punk-Schlampe vom -all fucked up lost alone on Burning Man 2010- würde sich übergeben. # :#4t

  5. mahret on February 27, 2011 at 02:00

    meine rede!

  6. johanna on February 27, 2011 at 10:38

    ja, das ist die chance. andererseits zeigt es auch nur die integrative kraft der modeindustrie, sich alle abweichung/besonderheit zu eigen zu machen und in der integration ins system um ihre subversive kraft zu berauben. möglichweise wird unsere ästhetik immer queerer und das freut mich, andererseits verkommt dadurch auch eine frage nach persönlicher freiheit zum trend. spannendes thema!

  7. tanja on February 28, 2011 at 10:45

    ich mag deine neue, reflektiertere art über dinge zu schreiben. die themen werden immer besser und interessanter & du immer sympathischer!

  8. anja on February 28, 2011 at 21:30

    anja schließt sich tanja an :-D

    auf arte+7 läuft zur zeit noch, ein richtig guter film zum thema gender (hermaphrodit..)
    vielleicht guckst du ihn dir mal an…?

    http://videos.arte.tv/de/videos/xxy-3718690.html

    lg
    anja

  9. Vanessa on February 28, 2011 at 22:02

    Vanessa dankt recht herzlich und wird sich das gleich mal angucken (ist auch so viel spannender als Koffer packen ;) )!

  10. Jill on March 7, 2011 at 22:31

    endlich ein post zu andrej auf pandafuck.
    … jede_r findet andrej irgendwie, findet irgendwas.
    “aber schön, dass er sich nicht auf sein geschlecht festlegt.”
    “fuck ist dieser mensch schön.”
    “ich finde sie auf eine absurde art und weise anziehend, vor allem aber interessant weil man seine eigene schönheitsdefinition nicht mehr intuitiv umreißen kann.”
    ich freu mich einfach auf mehr photos… =D …vielleicht hier? ein neuer craze?

    (hab vielleicht noch nie was auf deinem blog gecommented, aber cudos, cudos, darling.)

  11. Noelle on July 30, 2011 at 23:21

    Zum Thema Hermaphroditismus würde ich ganz klar das Bch Middlesex von Jeffrey Eugenides empfehlen!.

    Ich finde deinen Blog wirklich lesenswert.

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