Winter’s Bone zum Frühling – Urban Outfitters macht’s möglich

April 4, 2011

Die Wiederentdeckung des Praktischen

Wien ist vollgepflastert mit Plakaten von Winter’s Bone (R: Debra Granik, 2010), einem Film, der in einem Hillbilly-Amerika spielt und die Geschichte eines ungebildeten siebzehnjährigen Mädchens zeigt, das um die Existenz ihrer Familie kämpft. Überall sehe ich das Gesicht von der 20-jährigen Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence, ungeschminkt eine rohe Schönheit, bekleidet mit unglamouröser Winterjacke in gedeckten Farben. Ich war angetan. Auch von der Kleidung (abgesehen davon, dass der Frühling endlich da ist).
Als dann in der aktuellen Ausgabe des Wiener Filmmagazins Ray schließlich auch darüber berichtet wird (der Film heimste mehrere Oscar-Nominierungen ein, ging aber leer aus), musste ich ihn letztendlich unbedingt sehen. Mal vom Inhalt abgesehen, fiel mir vorallem die praktische Outdoor-Kleidung der Protagonistin Ree auf, die im Grunde wirklich nur den Zweck des Praktischen erfüllt und ganz und gar unmodisch ist. Eine simple Strickmütze, nicht wirklich schöne (aber garantiert warme!) Winterstiefel, die ihre besten Zeiten wohl schon hinter sich haben, sowie ganz viel gefüttertes Karo. Bis auf die hübsche junge Hauptdarstellerin sind die anderen Mitwirkenden nicht wirklich schön geraten bzw. zeichnet sich der massive Drogenmissbrauch, der in diesen Gefilden der USA ein dominantes Thema ist, und das raue Leben auf deren Gesichter ab.
jennifer lawrence
Naturschönheit: Jennifer Lawrence als Ree Dolly

winters bone
Ree Dolly zeigt ihren Geschwistern, wie man Eichhörnchen erlegt

Sofort musste ich übrigens an die momentan in den Medien überpräsente (und schwerreiche) Coco Sumner denken, die kleidungstechnisch ja doch irgendwie in die gleiche Kerbe schlägt (und auch optisch Lawrence doch sehr ähnlich ist, wie ich finde).

coco sumner
Setzt ebenfalls auf praktisch: Coco Sumner, Kopf von I Blame Coco

Gleichzeitig geistern momentan auf sämtlichen Modeblogs die Lookbook-Bilder des beliebten Klamottenshops Urban Outfitters durch die Netzwelt, in denen die Models einen recht rustikalen Ausflug in die englische Natur zeigen und auch hier sieht man wenig von Glitz und Glamour, stattdessen trägt man Holzfällerhemden und Khaki.
urban outfitters
Viktor Vauthier setzt seine Models im Grünen in Szene

Back to nature als neuer Trend?
Vielleicht sieht man hier die Auswirkungen auf unsere überperfekten und der Natur völlig entfremdete Idealbilder in den Medien und unser damit verbundenes Missbehagen im mittlerweile so unnatürlich gewordenen Alltag, der durchsetzt ist mit poren-und keimfreien Produkten, die mit unserem Ursprung so gar nichts mehr gemein haben. Wow, mutige These…und wahrscheinlich subjektiver gedacht als ich es mir wünschen würde.

Ich zumindest habe das stete Gefühl, mich unter einen Baum zu legen oder an echten Blumen schnuppern zu müssen statt am künstlichen Mischmasch, der uns in allen Läden in allen möglichen Formen dargeboten wird (deswegen habe ich auch Blumen auf meinem Fensterbrett stehen –ich hoffe, dass der grüne Daumen von alleine kommt…).
Man kann lange versuchen, synthetisch den Duft von Rosen zu kopieren, vollständig gelingen wird das nie und kann nur Annäherung sein, an etwas, das im Gegenzug dazu nicht einmal etwas kostet (bzw. verhältnismäßig wenig) und -in unserer heutigen Zeit selten geworden – dazu noch völlig abbaubar ist.

Freilich, die Urban Outfitter Bilder sind noch um längen modebewusster als die Garderobe in Winter’s Bone, ist ja klar, ist auch nicht das Thema dort. In der Blogosphäre trendige Elemente werden aufgegriffen, wie die Creepers, Stirnbänder oder das Peace-Zeichen. Alles Lieblingsprodukte der Bloggermädchen und -jungs.

Die Models tragen Parka und Grobstrick und sehr unauffällige Rucksäcke durch die Gegend. Bodenständig, unaufgeregt und sehr funktionell mutet die präsentierte Garderobe an.

An die im Film zu sehende Enthäutung inklusiver Gedärme eines Eichhörnchens kommt der in der Kampagne gezeigte aufgespießte Fisch dann aber doch nicht ran. So rustikal will der modebewusste Teenager dann doch nicht sein, er kämpft ja nicht um seine Existenz, schon gar nicht wenn er die nicht billigen Fähnchen (die outdoor-Variante, natürlich) in seinen Warenkorb packt. Oder er kann schlichtweg nicht mit einer Büchse umgehen. Naja.

urban outfitters
Vermutlich nicht selbst gefangen: Ein Model der “Urban Outfitters”-Kampagne beim Posen

Sollte diese Kollektion in naher Zukunft ausverkauft sein, würde ich mich freuen, wenn die Teenies damit tatsächlich in die Natur stapfen würden statt zum nächsten Starbucks. Man kann sich ja ein Brötchen von zuhause mitnehmen.

Übrigens für alle, die sich für Winter’s Bone interessieren: Hier ist der Trailer (fast wie aus einer UO-Kampagne entsprungen…), der für meinen Geschmack ein wenig zu kommerziell ist und dem Film nicht wirklich gerecht wird.

Bilder (von oben nach unten): montgomerynews.com, tampabay.com, Screenshot ARD Interview März 2011, urbanoutfitters.com

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3 Responses to Winter’s Bone zum Frühling – Urban Outfitters macht’s möglich

  1. Idil on April 4, 2011 at 17:12

    Hey :)
    Ich hab’ deinen Blog gerade entdeckt und wollte dir einfach sagen wie gut ich ihn finde :)
    Allein zu diesem Post könnte ich schon zehntausend Dinge sagen, aber ich versuche mich mal kurz zu fassen.

    Den Trailer zu dem Film habe ich mir gerade erst angeschaut und der Film wird in den nächsten Woche definitiv auch geschaut, aber zu dem ‘Modetrend’ … ich bin da deiner Meinung.
    Mich regt es eh schon seit einiger Zeit auf, dass es in unserem Zeitalter eher darum geht im richtigen Leben nur Bilder von sich zu machen um diese anschließend ins Internet zu stellen und fremden Menschen dadurch imponieren zu können.
    Man sucht Modetrends geht shoppen setzt diese um stellt die Bilder ins Internet und dann … telefonierte man, simst man, chattet man. Da bin ich mal richtig froh drüber, dass mein Handy kaputt ist und man mich am Computer auch nur selten findet. Ich bin da lieber draußen und das auch meisten alleine … wobei ich dann auch nach 5min. tausend interessante Leute getroffen hat mit denen ich dann durch den Wald laufen kann mich auf die Wiesen setzten kann und einfach und reden kann.
    Alle Welt sagt sie sind zu schüchtern um Menschen anzusprechen und regen sich anschließend auf nie neue interessant und vorallem REALE Menschen kennenzulernen, die Jugend sollte echt mal lernen raus zu gehen, statt Bilder vom Meer und ihren neusten Kleidungsstücken zu posten.

  2. Susanne on April 5, 2011 at 23:19

    sehr gut beobachtet …

  3. Obelix on April 11, 2011 at 12:01

    Take care the Beobachter are everywhere. # :’4t

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