Wir sind, was wir kaufen.

April 20, 2011

Ich melde mich aus den mehr oder minder verdienten Osterferien mit einer kleinen Empfehlung für, ja, mal wieder Arte. In einer vierteiligen Reihe beschäftigt sich der Sender mit der Thematik Konsum und Kunst. In diesem 3. Teil geht es um ein Werk von dem britischen Künstler Michael Landy.

Der britische Künstler Michael Landy eröffnet neue Perspektiven auf das “Konsumparadies” mit einem radikalen Selbstexperiment.
Im Namen der Kunst zerstört er im Februar 2001 systematisch seinen gesamten Besitz. Landy stellt ein Inventar seines Lebens auf: mehr als 7.000 Objekte, von der Geburtsurkunde bis zum Schaffellmantel seines Vaters, werden in ihre Einzelteile zerlegt und pulverisiert. Titel der in einem Video dokumentierten Aktion: Breakdown. Die Vernichtungsaktion wird für Landy zur Befreiung auf Zeit aus einem System, das nicht aufhört, sich selbst zu reproduzieren. Sie ist eine Reflektion über die verborgene Beziehung zwischen Individuum, Besitz und Identität. Eine Meditation über Wert und Wesen der Dinge und den Kern unseres heutigen Konsums.


michael landy

Und das ist ganz schön interessant. Denn selbst wir, die mitten im System des immerwährenden Konsumrausches feststecken, stellen uns zumindest einmal beim Betrachten dieser Aktion die Frage nach der Beziehung zwischen unserem Dasein, unserer Identität und den Waren. Wir sind was wir kaufen, oder eben was wir nicht kaufen. Wir kaufen, was wir (nach außen hin) sein wollen.
konsum

Schönheit, Sex, Liebe. Das sind die Schlagwörter, wenn es um die Vermarktung von Waren geht, die wir gar nicht brauchen, da all unsere Grundbedürfnisse mehr als befriedigt sind.

Der Antrieb für den Konsum ist die Angst vor dem Tod, heißt es da im Film und Landy berichtet, wie bei seiner Aktion lange verschollene Bekannte aufgetaucht sind und seine Mutter nahe dem Nervenzusammenbruch stand. So müsse sich also der Tod anfühlen. Nichts zu besitzen, als sich selbst –in einer Konsumgesellschaft voller Status-und Identitätssymbole eine grauenhafte Vorstellung. Haste nichts, biste nichts.

arte
Wirtschaften basiert im modernen Kapitalismus auf der künstlichen Herstellung von Bedürfnissen, deren Befriedigung niemand bedarf.

Wir kaufen Emotionen, Beziehungen, Identität.

Wir erleben, bewerten und behandeln uns als Ware. Wir müssen uns ständig selbst verkaufen, um im Leben einen Erfolg zu erzielen. Schwäche zeigen ist nur noch in dem Maße erwünscht, als dass es uns nicht als den perfekten Übermenschen darstellt und Sympathien schafft. Unser gesellschaftliches Dasein ist nur noch eine reine Werbestrategie und Vermarktungsveranstaltung.
Das Problem ist nicht, dass wir in der Moderne keine Antworten mehr haben; das Problem ist, dass wir uns die Fragen gar nicht mehr stellen. Wahre Worte.

Alle Screenshots sind aus “Gegenangriff – Wirtschaft im Fadenkreuz der Kunst Teil 3″, alle kursiven Textabschnitte sind Zitate aus dem Video.

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5 Responses to Wir sind, was wir kaufen.

  1. Mascha on April 20, 2011 at 13:47

    Vor allem wir Modeopfer geben einfach so viel Geld für Kleidung aus, weil es uns Spaß macht ein bestimmtes Bild von uns zu kreieren. Ich habe mich immer schon gefragt, wie Leute so viel für Designerklamotten ausgeben können. Tausende von Euro nur für ein Oberteil oder eine Jacke oder ein Accessoire, einfach nur geistesgestört, wenn man das so von der Seite betrachtet… Ich kann es bis heute nicht verstehen, warum Frauen so verrückt nach diesen hässlichen Louis-Vuitton-Taschen sind, wo einfach nur jedes Modell gleich aussieht, dass sie ihr ganzes Monatsgehalt dafür ausgeben, nur um ein Statussymbol über der Schulter hängen zu haben? Hää?

    Bisher habe ich es immer als Unglück betrachtet, dass mein Konto mir nie erlaubt etwas teurere Sachen oder einfach etwas mehr zu kaufen. Man sieht mich nur aufm Flohmarkt, in Sacond-Hand-Läden und in der H&M-Sale-Abteilung. Aber nach dem Beitrag bin ich jetzt fast schon stolz auf meine 3-Euro-Blusen und meine Schuhe von Deichmann.

    Ein echt interessanter Post!

  2. 0408pm on April 20, 2011 at 15:50

    michael landy, wenn dir die gesellschaft in der du lebst nicht passt, dann mach doch was echt schockierendes und zieh in den wald.

  3. Victoria on April 20, 2011 at 19:30

    Ich mag deinen Blog, und du hast mir damals den Anstoß gegeben, meinen Kleiderschrank endgültig komplett auf den Kopf zu stellen.
    Ich kaufe immer noch recht gerne bei Ketten ein, allerdings bin ich inzwischen bereit, bei Mango auch mal 35€ für ein Oberteil auszugeben, weil es mir gefällt und ich mir Gedanken gemacht habe.
    Generell kaufe ich inzwischen weniger und bin zufriedener mit meinem Kleiderschrank.
    Lieber gehe ich 3x die Woche abends etwas trinken und genieße die Zeit mit meinen Liebsten, als dass ich mich daheim am Kleiderschrank an meinem neuesten “Billigst-Haul” ergötze.
    In dem Sinne noch einen schönen Abend!

  4. nico on April 21, 2011 at 13:03

    wunderbarer post, vielen Dank für den Hinweis!

  5. Lea on May 4, 2011 at 20:24

    Also vielleicht mehr darauf achten, was ich kaufe ab heute :)

    http://www.lmdiary.blogspot.com

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