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June 13, 2011

Joseph Beuys sagt, zeige deine Wunde. “Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden.”
Wenn man sich ständig mit den furchtbaren Seiten des Lebens und all seinen Ungerechtigkeiten beschäftigt, wird man irgendwann kreuzunglücklich. Und je mehr man erfährt, wie Dinge wirklich laufen, desto weniger hat man noch Lust, aufzustehen. Und man denkt sich, dass man ein wenig Zerstreuung braucht. Und dann fällt einem wieder ein, dass man ja in der Zerstreuungsgesellschaft lebt und fragt sich wieder, wie man das jetzt bitte geregelt bekommen soll, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, passiv, manipuliert und ignorant zu sein. Von einem Kick zum nächsten rennend.
Man weíß nicht mehr, wo man selbst anfängt und wo man aufhört und ob man nicht von klein auf völlig fremdbestimmt war und ist, von den Medien und von anderen und überhaupt. Ich glaube, viele denken so und trotzdem tragen sie ihr tapferes Lächeln auf dem Gesicht oder stecken so tief drinnen, dass sie es gar nicht merken, betäubt und beschäftigt mit unwichtigen und wertlosen Entscheidungen. Weil die wichtigen Entscheidungen machen die wenigen Menschen, die oben sitzen, beeinflusst von Machtverhältnissen und Interessen. Während wir also die Qual der Wahl haben, welches Shampoo oder welche Cornflakes-Marke wir aus den abertausend Angeboten wählen, die sich im Grunde nicht unterscheiden (und diese vermeintlich komplexen und ja, doch, schlüssig erscheinenden Auswahlverfahren auch bei Menschen anwenden), passieren die wichtigen Dinge ganz nebenbei und heimlich. Und wir merken es nicht, weil wir mit der Auswahl von überflüssigen Dingen vollkommen ausgelastet sind. Und das ist alles ein Trick, damit wir uns nicht empören und uns einmischen. Und einige wenige bestimmen über die Erde und richten im Prinzip alles zugrunde, weil sie süchtig sind nach Besitz, weil sie nicht besser sind als alle anderen. Sie hatten vielleicht nur mehr Glück und weniger Skrupel. Und wir sind alle so verunsichert und lassen uns von den Medien ficken und brechen in Panik aus, weil EHEC und es ist eigentlich nur ein weiterer Impuls, der nötig war, um uns noch ausreichend zu stimulieren, weil Japan nicht mehr neu und was anderes langweilig ist. Wir gieren geradezu nach Epidemien und Naturkatastrophen. Weil geiler als Untergangsszenarien im Bewegtbild sind Untergangsszenarien in der Realität bzw. in der Realität, die wir konstruieren und für wirklich halten.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
und bin so klug als wie zuvor.

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3 Responses to _______________________________________________________________________________

  1. shaden7 on June 15, 2011 at 23:48

    Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

    “Wir haben das Glück erfunden” — sagen die letzten Menschen und blinzeln.

    —F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra

  2. Talisa on June 29, 2011 at 15:33

    Sehr,sehr gut gesagt.

  3. anika on August 8, 2011 at 22:33

    bin seit ewigkeiten endlich mal wieder auf deinem blog (warum war ich so lange abstinent, warum bloß?) und lese diesen text und bin begeistert. große worte, gut zusammen gefasst und das wesentliche festgestellt. ich erkenne mich wieder, in den gedanken – den kreisenden. die am nächsten morgen enden, wenn man sich wieder überlegt, was man zum teufel eigentlich anziehen soll und das nach all’ den schlimmen dingen dieser welt wieder das wichtigste problem ist – einfach nur, weil es einfacher ist, sich über diese dinge gedanken zu machen, als über die tatsächlichen probleme nachzudenken. weil man diese zwar angehen, aber eh nie wirklich lösen kann. weil man machtlos ist, immer irgendwie. aber eine leggins und ein h&m-kleidchen aussuchen, das kann man gerade noch.

    (macht das jetzt überhaupt sinn? egal.)

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