Review: Barfuß auf Nacktschnecken (2010)

September 24, 2011

Geschwister könnten manchmal unterschiedlicher gar nicht sein. Diese Erfahrung macht auch die beherrschte Clara (Diane Kruger), die nach dem Tod ihrer Mutter aus ihrem Leben als Anwaltsgehilfin zurück ins Elternhaus geht, um sich um ihre skurrile Schwester Lily (Ludivine Sagnier) zu kümmern. Die ist zwar nur einige Jahre jünger als Clara, sieht das Leben jedoch aus einem völlig anderen Blickwinkel. Sie ist alles, was Clara nicht ist und macht sich und ihrer geordneten Umwelt so zu schaffen. Sie schert sich nicht um soziale Konventionen, sammelt Maulwürfe, Katzen und Hasen und verarbeitet deren Fell zu Schlüsselanhängern oder Pantoffeln. Den kläffenden Schoßhund von Claras Schwiegermutter streckt sie kurzerhand nieder. Weil ihr das Fell gefällt. Bösartig oder sadistisch wären jedoch die komplett falschen Begriffe, um Lily zu beschreiben.
Mit ihrer kindlichen Art und ihrer Ungezwungenheit steht sie ihrer Schwester gegenüber, die unglücklich mit ihrem Ehemann, einem Anwalt, zusammenlebt. Jura hat sie nur studiert, um ihrem Vater zu gefallen, der sich das Leben genommen hat.

Ludivine Sagnier– einige dürften sie noch aus der grandiosen Komödie 8 Frauen (2002, von meinem Liebling Francois Ozon) als altklugen Teenager kennen und die meisten wohl als sinnliche Julie in Swimming Pool (2003, ebenfalls Ozon) – spielt diese Rolle mit einer Leichtigkeit, wie ich sie mir nur bei ihr vorstellen kann.
Wenn sie sich, völlig auf sich konzentriert, auf dem Grab der Mutter liegend, die bunten Kuchen von der Beerdigung in den Mund stopft, oder nackt in den Fluß springt und sich nicht einen Augenblick darum schert, wie sie dabei aussieht oder was die Leute denken könnten, dann wünscht man sich als Zuschauer, auch so zu sein wie Lily. Nur ein bisschen. Raus aus der Form, in die man sich gepresst hat. „Wenn das so weiter geht, wirst du als trockenes Brot enden.“
Und Clara beginnt in Gegenwart von Lily, sich langsam aus dieser Form zu lösen. Das mit zu erleben macht Spaß und so freut man sich auf das, und das kann man hier so schreiben, ohne zu spoilern, Happy End der beiden Schwestern.
Diane Kruger, die auf dem Parkett Hollywoods durch ihr nordisches und makelloses Aussehen oftmals kühl und unnahbar wirkt, kann sich hier endlich von ihrer weichen und ungeschminkten Seite zeigen, die ihr ziemlich gut steht. Die deutsche Schauspielerin und die französische Sagnier sind sich äußerlich recht ähnlich, beide blond, beide natürlich. Dennoch schwingt bei letzterer diese typisch französische Nonchalance mit. Kruger macht das mit ihrer verletzbaren Spielart allerdings mehr als wett.

Bei Barfuß auf Nacktschnecken (Fabienne Berthaud) geht es aber viel mehr als um die Geschichte zweier ungleicher Schwestern und die bisweilen kitschige und verklärte Liebe zur Natur und zum Landleben, die hier zugegebenermaßen aufs Höchste der Gefühle ausgelebt wird (für einige kann das durchaus mühsam sein). Man will gar nicht wissen, was die beiden im Winter machen, wenn es die Temperaturen nicht mehr zulassen, barfuß auf Nacktschnecken zu treten. Von Marmelade und Fellslippern kann man auch nicht ordentlich leben.

Aber nein, das wäre doch auch viel zu oberflächlich betrachtet.
Es geht um die beiden Seiten in unseren Köpfen. Um Freiheit und Lust, verkörpert durch Lily. Um Angepasstheit und Gezwungenheit, dargestellt durch Clara. Es funktioniert nicht, wenn eine der Seiten die Überhand nimmt.
Am Ende zeigt sich, dass eine Ausgewogenheit beider Teile in uns zum persönlichen Frieden führen.
Natürlich wissen wir das als aufgeklärte Menschen bereits. Mit der Umsetzung hapert es allerdings dennoch.

Man muss diesen Film nicht als Anstoß dafür nehmen, öfters mal einen Joint zu rauchen und sich im Nachthemd auf die Straße zu trauen (kann man natürlich, es hat durchaus seine Vorteile).
Für kühle Herbstabende, wenn der Alltag mal wieder ankotzt, und der Sommer so fern scheint, sollte man sich die DVD notfalls ins Regal stellen. Und wegen Ludivine Sagnier. Ich gebe zu, ich hab’s auch nur wegen ihr geschaut. Ludivine braucht sich nicht einmal anstrengen, mich hat sie immer.


Foto oben Screenshot aus dem Trailer

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2 Responses to Review: Barfuß auf Nacktschnecken (2010)

  1. Leonie on September 25, 2011 at 10:48

    der film scheint absolut geeignet für regnerische herbstabende. werde ihn mir sobald sobald das wetter wiederschlechter wird ansehen.

    liebste grüße .

  2. Manu on September 28, 2011 at 13:43

    Den will ich auch unbedingt noch sehen. Bei der ersten Vorschau dachte ich, was ist das? Jetzt bin ich aber doch ganz neugierig und gespannt.

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