Conscious-Collections und Terminus-Rape, für ein gutes Gewissen im weichen Plüsch und die Frage nach dem richtigen Richtig

November 17, 2011

Vor nicht allzu langer Zeit zeigte ich hier auf diesem Blog ein animiertes Video über Slavoj Žižeks Auslegungen über unsere kapitalistische Welt, Charity und Konsum (unter anderem, es handelt sich hier um einen Schlagabtausch mit Bernard-Henri Levy anlässlich eines Symposiums der New York Public Library aus dem Jahre 2008, angeschnitten wird die Charity-Thematik ziemlich am Anfang, ich empfehle euch, das gut zweistündige Gespräch anzuhören). Damals im Zusammenhang mit den Schwestern Olsen und ihrer Kollaboration mit Schuhhersteller TOMS, der zusammen mit seinen trendigen Tretern auch noch ein gutes Gewissen in die Einkaufstüte packt. Gratis oben drauf, so als Sahnehäubchen (und depolitisiert uns, wie Žižek das im Video auslegt) . Etwas später zeigte ich euch die Taschen der “Vivienne Westwood Ethical Fashion Africa”-Kollektion, die laut Westwoods eigenen Worten nichts mit Charity gemein haben sollten, da hier Menschen unabhängig ihr eigenes Geld verdienten. In beiden Fällen handelt es sich um eine Industrie, die Waren produziert, welche dem Konsum dienen, also die innerhalb des Systems funktionieren (natürlich). Diese Thematik und wie Žižek sie auslegt, beschäftigt mich. Eigentlich ständig.

Meinungs-Clash

Das Bedürfnis, meine Gedanken in einem Blogpost zusammen zu tragen (vermutlich mit einer gewissen Unstrukturiertheit, hier untertreibe ich maßlos und man möge mir vergeben) wurde jedoch erst vollends geweckt, als ich mich letztens mit wahren Vorzeigekapitalisten (diese Bezeichnung im wertfreiesten Sinne) unterhielt, deren Meinung massiv mit meinen eigenen Gedanken kollidierte und die mich nachhaltig beschäftigten.
Ich will nicht sagen, dass sie für mich den Inbegriff Walter Benjamins Etui-Menschen (Interieur, Plüsch, ihr wisst…) verkörperten, ich kannte sie ja nicht wirklich.
Dennoch vernahm ich eine tendenzielle Grundeinstellung, die mich diese Annahme–natürlich vorurteilsbelastet aufgrund von Äußerlichkeiten und gesellschaftlichen Gegebenheiten (ach, beschämend, doch auch ich nur ein Mensch…)– vermuten ließ.

Notgedrungenerweise dem System unterworfen wie wir alle, hatten sie sich in unseren äußeren und inneren Umständen eingefunden und ja, das musste ich nicht einmal herauskitzeln, ein Plätzchen darin gefunden, in dem man sich behaglich fühlte. Ich war sehr schockiert über diese Aussage und machte meiner Verzweiflung und Traurigkeit Luft. Dann versicherte man mir, dass in Deutschland niemand hungern müsse. Ein weiteres Mal verstand man mich völlig falsch und ein weiteres Mal gab ich resigniert auf.

Das richtige “Richtig” und die Verzweiflung darüber

Nunja, ich begann einige Tage später intensiv darüber nachzudenken, welches Richtig denn jetzt das richtige war und ob sich ein Leben mit dem Abfinden von Tatsachen so großartig unterscheidet von einem Leben mit ständigen Unmutsbekundungen und Kritikausübung ohne große Taten.
Und es macht mir die Birne weich, weiß Gott…
Es ist natürlich unfair, dass die Konsequenzen von Luxus auf dem Rücken der Kleinen Leute ausgetragen wird und ich bin der Meinung, dagegen müsse unbedingt angekämpft werden. Ich war so ignorant und vor allem verdammt arrogant (ich seufzte laut bei dieser Feststellung) zu glauben, alle halbwegs aufgeklärten Menschen würden so denken.

Dann denke ich mir wieder, dass es schon immer so war (Feudalherrschaft, noch früher simpel das Recht des Stärkeren) und dass das einfach so ist und wir Menschen niemals aufgrund unserer Natur andere Bedingungen schaffen können. Dann bin ich ganz schön privilegiert, dass ich mir aus meinem Elfenbeintürmchen solche Gedanken machen kann, für die andere schlichtweg nicht die Zeit haben, weil sie um ihr Dasein kämpfen müssen.

david harvey
Macht es uns unsere Natur unmöglich, die vorherrschende Ordnung zu ändern? (Screenshot RSA Animation Crises of Capitalism)

Und dann wiederum denke ich mir, dass wir, anders als unsere Verwandten, die Säugetiere, mit Verstand gesegnet wurden und das Recht des Stärkeren für uns doch nicht zwingend gelten muss, wir mit unserem hochentwickelten Gehirn, die Krone der Schöpfung. Wir haben die Wahl (das sagt auch Johnathan Safran Foer in seinem Buch über Fleischkonsum, wenn auch ein anderes Themengebiet, jedoch prinzipiell in die gleiche Kerbe schlagend1) und ich will nicht glauben, dass wir nicht fähig sind, Verhältnisse zu ändern, dass wir bloße Opfer unserer Natur sind (es gab eine Zeit, da war ich der festen Überzeugung, alle menschlichen Vorgänge, bewusste wie unbewusste Entscheidungen usw., seien ausschließlich determiniert durch biochemische Reaktionen; erklang mir sehr einleuchtend).

Gedachter Idealismus und gelebter Konsumrausch– passt das zusammen?

Mein jugendlicher Idealismus, der sich dann auch noch von seiner naivsten Seite zeigt, macht mir recht oft die Hölle heiß und ödet mich manchmal ob seiner Widersprüchlichkeit zu meinem recht plüschigen und wirklich inkonsequenten Dasein richtig an. Weil ich Flachbildschirme gut finde und teure Duftwässerchen. Weil ich mich oft mit Dingen identifiziere und doch nur, weil mir subversiv mitgeteilt wird, mein Leben sei ohne sie nicht lebenswert, ja, weiter noch, nicht gar lebbar. Weil mich blauäugige  Textchen von kleinen Studenten nerven (das ist eine Anspielung).
Und weil ich im Labern und Theoretisieren eine Ausdauer besitze wie zu seiner Zeit der Duracell-Hase, dabei aber nichts Halbes und nichts Ganzes von mir geben kann, das argumentativ richtig untermauert wäre, und ich sonst völlig erstarrt und gehemmt dasitze, geplagt von Depressionen und Planlosigkeit, mich in Löcher ohne Boden stürze und nicht weiter weiß. Wo fängt Scheinheiligsein an und wo hört es auf? “Denk nicht so viel. Lies nicht so viel.” höre ich oft. Eine befriedigende Lösung stellt das für mich nicht dar. Man mag mir einen gewissen Pessimismus vorwerfen. Und auch ertappe ich mich, wie ich immer häufiger dem mir so verhassten Zynismus verfalle.

Ein bekannter Kritiker unseres Systems ist der bereits oben erwähnte Slavoj Žižek. Der hippeste Philosoph, wie ihn der Telegraph nennt (es gab gar ein hartnäckiges Gerücht, er sei mit Lady Gaga befreundet), war natürlich vor Ort, als die Wall Street besetzt wurde und sprach eine Rede, die einem wahren Manifest glich (war es ja auch) und in der ich so viel Richtiges finde:


(Bei Verständigungsproblemen: Ein Transkript findet ihr jeweils auf der YouTube-Seite in der Infobox.)

 

Rape it: Nachhaltigkeit und bewusster Konsum– Begrifflichkeiten phantasievoll interpretiert

Schlagen wir einen Bogen zum meist missbrauchten Wort der letzten Monate: Nachhaltigkeit.
Auf den in den letzten Jahrzehnten entstandenen Diskurs über die ökologischen Konsequenzen, die durch unser Handeln hervorgerufen wurden und werden, reagierte selbstverständlich auch die Konsumindustrie.
Die Erkenntnis, dass unsere Ressourcen endlich sind, führte zu einem veränderten öffentlichen Bewusstsein (und hier beschränke ich mich auf die westliche Welt) gegenüber unserer Ordnung und unserem Weltverständnis. Bei Weitem jedoch noch nicht genug, wie ich finde.
Die ursprüngliche Bedeutung von Nachhaltigkeit musste ziemlich schnell Platz machen für die Konsumindustrie, die sich diesen Begriff zu eigen machte und phantasievollste Interpretationen anbot und anbietet.
Mittlerweile gibt es kein Unternehmen mehr, das eine Webpräsenz ohne Nachhaltigkeits-Absatz besitzt. “Nachhaltigkeit”, gerne auch mal unter dem Begriff “Verantwortung” hat die bloße karitative Tätigkeit abgelöst und dient natürlich primär für die Imagepflege der Unternehmen (für diese Feststellung reicht gesunder Menschenverstand, man beachte die Charity-Kampagnen, die jetzt im Advent für gewöhnlich wieder ihre Hochzeit finden werden).

slavoj zizek
Die LOHA-Bewegung als eine Farce? (Screenshot RSA Animation First as Tragedy,Then as Farce)

Nachhaltigkeit. Das hört sich laut Marketingexperten ziemlich uncool an. Und weil mittlerweile selbst bei den hippen jungen Erwachsenen ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum festzustellen ist, nennt man das Ganze einfach Conscious-Collection, wie es erst letztens ein großer Bekleidungshersteller aus Schweden gemacht hat.  Schwupps wird das Ganze salonfähiger als es eh schon ist und es wird hip, sein LOHA-Dasein in die Welt zu tragen, mit Starbucksbecher, in dem die schwarze Suppe aus biologisch angebauten Kaffebohnen neckisch vor sich hin dampft. Oder man setzt ein “eco” vor jedes Wort und es entstehen neumodische Wortschöpfungen, die letzten Endes mehr versprechen, als sie dann eigentlich hergeben.

Es gibt unzählige Beispiele und die vorangegangenen sind nur zwei davon, mal mehr, mal weniger tatsächlich das, was sie dem Konsumenten (nun, nicht dem Menschen) versprechen, der sich ein bewusstes und nachhaltiges Leben wünscht (und diese Begrifflichkeiten längst aus ihrer ursprünglichen Bedeutung gelöst). Wohlgemerkt immer nur im Rahmen des vorherrschenden Systems.

Was sind die Alternativen?

Jetzt wurde ich natürlich auch von meinen Gesprächspartnern auf Alternativen angesprochen. Denn wer meckere, müsse ja fairerweise konkrete Vorschläge auf den Tisch bringen können. Kann ich nicht. Vermutlich reichen meine intellektuellen Kapazitäten dafür einfach nicht aus. Okay, streichen wir das “vermutlich”.
Aber nur, weil einem nichts Besseres einfällt, heißt das ja noch lange nicht, dass man still hinnehmen muss, was vorherrscht. Mir wurde entgegnet, das beste vorhandene System sei der Kapitalismus. Das mag sein. Aber das heißt noch lange nicht, dass es nichts Besseres gibt. Und solange es Menschen gibt, die unter den gegebenenen Umständen leiden (und auch hier in den allmöglichsten Varianten), lohnt es sich doch für die Gesellschaft, für Veränderung zu kämpfen. Auch wenn zeitnahe Erfolge wohl eher bescheiden ausfallen werden.
Man kann es sich, wie oben geschildert, natürlich bequem machen. Man kann aber auch Fragen stellen und den vorherrschenden Mechanismus dekonstruieren und hier will ich den selbstgerechten Unterton gänzlich aus diesem Beitrag verbannen (was mir wahrscheinlich nicht gelingen wird; vielleicht hilft es, noch einmal mein generelles Unvermögen zu betonen.).

Einen Ansatz bietet David Harvey, dessen Ausführungen erfreulicherweise ebenfalls von der Organisation RSA grafisch unfassbar genial umgesetzt wurde, zwar nicht, zeigt aber die Problematik des Kapitalismus auf:

david harvey
David Harvey findet zwar auch keine Lösung, bemängelt aber die fehlende Diskussion und verweist auf die Verantwortung der Akademiker. (Screenshot RSA Animation Crisis of Capitalism)

 

Anmerkungen, Meinungen und Belehrungen stark erwünscht!

  1. Safran Foer, Johnathan, “Tiere Essen”, Kiepenheuer & Witsch

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5 Responses to Conscious-Collections und Terminus-Rape, für ein gutes Gewissen im weichen Plüsch und die Frage nach dem richtigen Richtig

  1. nico on November 18, 2011 at 10:29

    Wir sind verführt. Unsere Gedanken und Wünsche sind die Summe aus unseren Einflüssen. Wir haben uns die Bilder selber geschaffen und leben jetzt in Ihnen. Der “Fortschritt” des vergangenen Jahrhunderts hat eine Spirale eingeleitet, einen Kreislauf der kaum noch zu durchbrechen ist. Es gibt keine vorformulierten Alternativen dazu. Diese Leute, die du hier ansprichst und die dir so selbstgefällig antworten. Es sind Diejenigen, die umschwenken sobald die Masse es tut. Sie haben nie hinterfragt und werden es auch nicht tun. Natürlich kann man darüber zynisch werden. Aber man kann auch immer weiterlesen und irgendwann wird man die Dinge verinnerlichen.
    Man muss sich ja mal vergegenwärtigen, die großen Denker, die wir größtenteils noch immer lesen, keiner von Ihnen hätte in dieser Welt von heute leben können/wollen. Sie wären gar nicht klargekommen. Wir haben eine ganz andere Perspektive auf uns Selbst und da muss man ansetzen. Dann braucht man auch irgendwann diesen ganzen wahnsinnigen Konsum nicht mehr. Man muss den Geist trainieren und befreien. Und ihn vor allem nicht so viel Scheisse fressen lassen.

    Du bist nicht alleine mit diesen Gedanken. Lass dich nicht von Ignoranten in die Ecke drängen. Die Antworten werden kommen, immer klarer.

  2. mahret on November 18, 2011 at 21:24

    Ich schreibe Dir gleich mal eine Email…

  3. Sarah on November 20, 2011 at 12:52

    Mir gefällt was du schreibst. Bitte mehr davon!

  4. Nini_paga on December 19, 2011 at 14:27

    Bezüglich der Möglichkeiten, gegen ein indidivualistisches, subjekt-basiertes System zu kämpfen, empfehle ich dir als Lektüre Zizeks “Die Tücke des Subjekts”. Mach weiter so! Denken hilft! So genannte Depressionen (nur ein kategorisch-pathologischer Begriff für zu viel Denken) sind wichtig und gut, solange sie dich nicht in den Selbstmord treiben, denn damit ist niemandem geholfen :-)

  5. Mia on December 29, 2011 at 09:42

    “Denken hilft”
    Oft sind die Gedanken, die man sich selbst macht, die besten bzw. viel besser mit Argumenten zu untermauern als Angeliehenes aus Büchern. Also lies doch vielleicht ein Buch weniger und schreib dir dafür strukturiert die eigenen Gedankengänge auf. Dann bemerkst du Schwachpunkte in der Argumentation und kannst dir dazu dann Fachliteratur holen. Dann ist man nicht mehr so überrollt von tausend Standpunkten, die man sowieso nur oberflächlich kennt. Hilft tatsächlich in Diskussionen (mit sich selbst & anderen), hab den Selbstversuch gemacht.

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