Empfehlung| Christoph Schlingensief: “Ich weiß, ich war’s” (Kiepenheuer & Witsch, 2012)

October 25, 2012

schlingensief

“Und dann irgendwann der Knall, man rutscht raus, startet ins Leben, rast los, hierhin, dahin, und irgendwann stellt man fest: Man wird nicht der, der man sein wollte, man kann es gar nicht werden, weil die Unschärfe ins Spiel kommt und man permanent neu belichtet wird. Oder weil man schon vorbelichtet ist, wenn man losliegen will.” Christoph Schlingensief war so einer dieser Genialen, die wohl oft einen hohen Preis für ihre Arbeit und Rastlosigkeit bezahlen, die leiden und machen, zweifeln und sich in Tiefen stürzen. 2010 verstarb der Theaterregisseur-und Filmemacher, Aktionskünstler und Autor an den Folgen von Lungenkrebs und hinterlässt seitdem eine klaffende Lücke in der deutschen Kulturlandschaft. Unvergessen seine Aktion “Ausländer raus! Schlingensiefs Container” gegen die FPÖ unter Jörg Haider  aus dem Jahre 2000 neben der Staatsoper Wien anlässlich der Wiener Festwochen oder sein Vorhaben, gemeinsam mit seiner Partei Chance 2000  Helmut Kohls Häuschen am Wolfgangsee zu überfluten (womit er natürlich scheiterte).
Mir gelang es im letzten Jahr eines seiner letzten Stücke, “Mea Culpa. Eine ReadyMadeOper” in der Originalbesetzung im Wiener Burgtheater (unter anderem mit Fritzi Haberlandt und den Fassbinder-Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen), anzusehen, was bei mir einen unglaublichen Eindruck hinterlassen hat und ich konnte damals wie heute einfach nicht verstehen, wie unbeeindruckt mein Sitznachbar nicht einmal einen Höflichkeitsapplaus zustande brachte allein ob dieser technischen Wahnsinnigkeit dieser Drehbühne.
Ein halbes Jahr früher durfte ich noch einem Schlingensief-Symposium im project space karlsplatz der Kunsthalle Wien beiwohnen, wo keine Geringeren als Diedrich Diederichsen, Carl Hegemann, Irm Hermann und Peter Kern anwesend waren. Ansehen kann man sich das Ganze hier.

Nun wurden also posthum Schlingensiefs Memoiren von seiner Witwe Aino Laberenz herausgegeben. Und es ist ein Leichtes, sich an den vielen Anekdoten zu erfreuen, die er da so in sein Diktiergerät gesprochen hat, als er bereits krank war. Da ist zum Beispiel sein erstes Treffen mit Tilda Swinton und Udo Kier, der ja in einigen seiner Filme mitspielte, viele Fotos seines bewegten und aufgeregten Lebens, Briefausschnitte, Leserkommentare und nicht zuletzt noch etwas über sein Opernstadt-Projekt in Burkina Faso, das immer noch läuft und zu dem unlängst ein Film veröffentlicht wurde.
Man liest also dieses Buch, das so voll ist mit Lebendigkeit, das einem schwindelig werden könnte, die Zweifel, das Hoffen, diese Hingabe und man merkt: Christoph Schlingensief, du fehlst schon ganz schön.

Erschienen ist das Buch im Verlag Kiepenheuer & Witsch und kostet 19,99€

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